Soll Zustand Beispiel Essay

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Das Gefühl für das Gute und Böse hängt großenteils von der Meinung ab, die wir davon hegen

Die Menschen (sagt eine alte griechische Sentenz) werden von den Meinungen gequält, die sie von den Dingen hegen, und nicht von den Dingen selbst. Man hätte schon einen großen Schritt zur Erleichterung des menschlichen Elendes gewonnen, wenn man diesem wahren Gedanken durchgängig und allenthalben Eingang verschaffen könnte. Denn wenn das Übel keinen andern Eingang bei uns findet als durch unser Urteil, so scheint es in unsrer Macht zu stehen, es zu verachten oder zum besten zu kehren. Wenn die Sachen sich nach unserm Gutachten fügen, warum lenken und beherrschen wir sie nicht zu unserm Vorteile? Wenn das, was wir Übel und Pein nennen, an sich selbst weder Pein noch Übel ist, sondern nur insofern ihm unsre Phantasie diese Eigenschaft gibt, so steht es bei uns, es zu verwandeln? Und da wir die Wahl haben und da nichts uns zwingt, so sind wir ganz sonderbare Toren, uns steif und fest auf der Seite zu halten, die uns den meisten Verdruß macht, und den Krankheiten, der Armut und der Verachtung einen so bittern, widrigen Geschmack zu geben, wenn wir solchen einen guten geben können? Und wenn das Glück nichts weiter hergibt als die Materie, so ist es unsre Sache, ihr die Form zu geben.

Aber, laß sehen, ob der Satz Stich hält, daß das, was wir Übel nennen, an sich kein Übel ist, oder (welches auf eins hinausläuft) ob wenigstens so wie es ist, bei uns selbst es stehe, ihm einen andern Geschmack, eine andre Gestalt zu geben? Wenn das ursprüngliche Wesen der Dinge, die wir scheuen, die eigentümliche Macht hätte, sich uns nach eigner Willkür zu unterwerfen, so würde es diese Willkür über alle Menschen auf einerlei Art behaupten. Denn alle Menschen sind von einerlei Gattung und sind, das Mehr oder Wenigere vorausgesetzt, mit einerlei Werkzeugen und Organen zum Wahrnehmen und Schließen versehen. Nun aber zeigt die Verschiedenheit der Meinungen ganz deutlich, daß sie nur auf Bedingung bei uns einziehen: Der eine nimmt sie vielleicht bei sich auf für das, was sie wirklich sind; aber tausend andre geben ihnen bei sich eine neue und ganz verkehrte Beschaffenheit.

Wir halten den Tod, die Armut und körperliche Schmerzen für unsre hauptsächlichsten Feinde. Wer weiß aber nicht, daß dieser Tod, den einige das Schrecklichste aller Schrecknisse nennen, von andern der einzige Hafen gegen die Stürme dieses Lebens, das höchste Gut der Natur, die einzige Stütze unsrer Freiheit, das allgemeine und schnelle Heilmittel gegen alle Übel genannt wird? Und daß, so wie etliche mit Zittern und Zagen an ihn denken, andre ihn leichter ertragen als das Leben? Jener beklagt sich über seine Leichtigkeit:

Mors utinam pavidos vita subducere nolles,
Sed virtus te sola daret!

Doch nichts mehr von so tapfern Gemütern! Theodorus antwortete dem Lysimachus , der ihn zu töten drohte: Du wirst eine mächtige Tat verüben, wenn du's an Gewalt einer Bremse gleichtust. Unter den Philosophen haben die meisten ihren Tod mit Fleiß beschleunigt oder sind ihm mit allem Bedacht zuvorgekommen. Wie viele gemeine Menschen sieht man zum Tode führen, und nicht etwa bloß zu einem einfachen Tode, sondern begleitet von Schimpf und Schande und zuweilen von den herbsten Qualen, die mit einer solchen Standhaftigkeit erscheinen, der eine aus Hartnäckigkeit, der andre aus natürlicher Einfalt, daß man keine Veränderung in ihrer gewöhnlichen Fassung wahrnehmen kann. Sie beschicken ihr Haus, soweit sie dürfen, empfehlen sich ihren Freunden, singen, halten Reden ans Volk und machen gar noch zuweilen Spaß und Scherz zum Lachen. Sie trinken auf das Wohl ihrer Bekannten, so gut wie Sokrates.

Einer, den man zum Galgen führte, sagte, man möchte sich ja hüten, durch eine gewisse Gasse zu gehen; er liefe sonst Gefahr, daß ihn ein Kaufmann anpackte, bei dem er noch von alters her an der Kreide stünde. Einer sagte zum Scharfrichter, er solle ihm nicht an den Hals greifen, er möchte sonst vor Lachen aufspringen, weil er sehr kitzlich sei. Jener antwortete seinem Beichtvater, der ihm die Verheißung gab, daß er heute noch mit unserm Erlöser zu Tische sitzen würde: Gehn Sie nur hin und nehmen meinen Platz; denn ich habe Fasttag. Jener andre, dem, als er zu trinken begehrt hatte, der Henker es durch Vortrinken zubrachte, wollte ihm nicht nachtrinken, denn, sagte er, der könnte mir eine böse Krankheit mitteilen. Alle Welt muß von Picard erzählen gehört haben, dem man, als er bereits auf der Leiter stand, Gnade versprach (wie unsre Justiz wohl zuweilen gestattet), wenn er ein gewisses Mensch, das man ihm zeigte, heiraten wollte. Er betrachtete solches ein Weilchen, merkte, daß das Mädchen hinkte und rief: Schnüre zu! Schnüre zu! Das Ding geht schief! So erzählt man etwas Ähnliches, das sich in Dänemark zugetragen haben soll. Einem Menschen nämlich, der verurteilt war, den Kopf zu verlieren, bot man auf dem Blutgerüst unter ebensolcher Bedingung Gnade an, die er aber ausschlug, weil das Mädchen, das man ihm geben wollte, hohle Wangen und eine Spitznase hätte. Ein Bedienter zu Toulouse, der Ketzerei wegen eingezogen wurde, wußte keinen andern Grund seines Glaubens anzugeben, als weil es der Glaube seines Herrn wäre; dies war ein junger Student, der mit ihm im Gefängnis saß, und blieb der Bediente dabei, lieber zu sterben als sich überzeugen zu lassen, daß sein Herr irren könnte. Wir lesen von den Bürgern der Stadt Arras, daß, als der König Ludwig der Elfte solche einnahm, sich eine ansehnliche Zahl von ihnen lieber hängen ließ als rufen wollte: Es lebe der König!

Und unter den kriechenden Seelen der Hofnarren haben sich einige gefunden, die ihr Possenreißen selbst im Tode nicht haben lassen wollen. Einer von ihnen schrie, als ihn der Henker von der Leiter stieß: Aufgeschaut! Ein Wort, das er bei seinen Späßchen immer brauchte. Und ein andrer, den man, in dem Augenblicke, da er den Geist aufgeben wollte, längs dem Kamine auf einen Strohsack gelegt hatte, antwortete dem Arzt, der ihn fragte, wo er denn eigentlich die Krankheit hätte: zwischen der Bank und dem Kamin. Und als der Priester, der ihm die Letzte Ölung geben wollte, seine Füße suchte, die er wegen der Schmerzen an sich gezogen hatte: Sie werden sie wohl, sagte er, am Ende meiner Beine finden. Denjenigen, der ihn ermahnte, er solle sich Gott empfehlen, fragte er: Wer reist hin? Und als ihm dieser antwortete: Das wirst du bald selbst sein, wenn's ihm gefällt, so versetzt' er: Sollt' ich morgen abend wohl angelangt sein? Empfiehl dich ihm nur, verfolgte der andre, du wirst bald dort sein. Nun, fuhr der erste fort, so ist's wohl besser, daß ich ihm meine Empfehlungsschreiben selbst überbringe!

Im Königreich Narsingen werden noch jetzt die Weiber der Priester mit den Leichen ihrer Ehemänner lebendig begraben. Alle übrigen Eheweiber werden beim Leichenbegängnis der ihrigen lebendig verbrannt und sind dabei nicht nur standhaft, sondern sogar fröhlich und munter. Beim Tode eines Königs stellen sich nicht nur seine Gemahlinnen, Kebsweiber, Günstlinge und alle Minister und Bediente aus dem Volke sehr munter beim Feuer ein, wo sein Leichnam verbrannt wird, sondern suchen auch die größte Ehre darin, wenn sie gewürdigt werden, ihrem Herrn Gesellschaft zu leisten.

Während unsers letzten Krieges im Mailändischen, worin das Volk über die abwechselnden Vorteile und Nachteile unwillig ward, faßte es eine solche Bereitwilligkeit zum Tode, daß ich meinen Vater sagen gehört habe, wie er es erlebt habe, daß sich wohl fünfundzwanzig Hausherrn in einer Woche das Leben verkürzt hätten: ein Ereignis, das demjenigen nahe kommt, was sich bei den Xanthiern zutrug, welche sich, als Brutus sie belagerte, solchergestalt, Männer, Weiber und Kinder, der Wut zu sterben überließen, daß man weniger tut, um dem Tode zu entfliehen, als diese taten, um dem Leben zu entgehen; so daß auch Brutus kaum eine kleine Anzahl von ihnen zu retten vermochte.

Jede Meinung ist stark genug, um sich der Menschen auf Kosten ihres Lebens zu bemeistern; der erste Artikel des kühnen Eides, den die Griechen im Medischen Kriege schwuren und hielten, lautete: Jedermann wolle lieber das Leben mit dem Tode als die persischen Gesetze mit den seinigen vertauschen. Wie viele Menschen sieht man nicht in den Kriegen der Türken mit den Griechen, die lieber den Tod, und zwar einen sehr bittern Tod erleiden, als ihrer Beschneidung entsagen und sich taufen lassen wollen. Beispiele, deren keine Religion unfähig befunden wird.

Als die kastilischen Könige die Juden aus ihrem Reiche und Lande verbannt hatten, verkaufte ihnen der König Johann von Portugal kopfweise um acht Taler die Freiheit, sich in seinem Reiche für eine gewisse Zeit mit Sicherheit aufhalten zu dürfen, mit der Bedingung, daß sie nach deren Verlauf es räumen sollten; und versprach ihnen alsdann Schiffe herzugeben, die sie nach Afrika überfahren sollten. Als der Tag erschienen und es verkündigt worden war, daß diejenigen, welche der Bedingung nicht gehorchten, als Sklaven im Lande bleiben würden, gab man eine ganz unhinlängliche Anzahl Fahrzeuge, und diejenigen, die sich darauf einschifften, wurden durch die Schiffsleute so hart und bübisch behandelt und unter andern Tücken, die sie ihnen erwiesen, so lange auf dem Meere herumgeschleppt, bis sie ihren Mundvorrat völlig aufgezehrt hatten und gezwungen waren, von ihnen so teuer und so lange zu kaufen, ehe sie an Land gesetzt wurden, bis sie nichts mehr zu verkaufen hatten als ihre bloßen Hemden. Als die Zeitung von dieser Unmenschlichkeit zu denjenigen gelangte, welche im Lande geblieben waren, entschloß sich der größte Teil davon zur Sklaverei; einige taten so, als ob sie die Religion verändern wollten. Emanuel , Nachfolger des Königs Johann, setzte sie anfangs in Freiheit, und als er hernach seine Meinung änderte, befahl er ihnen, das Land zu verlassen, und wies ihnen drei Häfen an, wo sie sich einschiffen sollten. Er hoffte, sagt der Bischof Osorius (ein nicht unbedeutender lateinischer Geschichtsschreiber für unsre Zeiten), da das Geschenk der Freiheit nicht gewirkt hätte, sie zum Christentum zu bekehren, so würde die Schwierigkeit, sich den Diebereien der Schiffsleute auszusetzen und ein Reich zu verlassen, worin sie große Reichtümer besäßen, um nach einem fremden Lande überzusetzen, das sie nicht kannten, sie dazu vermögen. Da sich aber der König in seiner Hoffnung betrogen und die Juden völlig entschlossen sah, die Fahrt zu unternehmen, so sperrte er zwei von den Häfen, die er ihnen versprochen hatte, damit das Zaudern und andre Unbequemlichkeiten doch einige bewegen möchte, sich zum Ziele zu legen, oder er wenigstens Mittel hätte, sie alle an einem Orte zu häufen, um ein Vorhaben auszuführen, das er über sie beschlossen hatte. Dieses bestand darin: Er befahl, daß man alle Kinder unter vierzehn Jahren aus den Händen der Eltern und aus ihrer Aufsicht nehmen, von ihrem Umgang entfernen und an Orte bringen sollte, wo sie in unserer Religion unterrichtet würden.

Er sagt, dieser Befehl habe ein entsetzliches Schauspiel verursacht. Die natürliche Verbindung zwischen Eltern und Kindern, und noch mehr, der Eifer, womit sie ihrer alten Religion anhingen, empörte sich gegen diese gewalttätige Verordnung. Es war dabei nichts Seltenes, Väter und Mütter zu sehen, die sich selbst entleibten; und als noch traurigere Beispiele sah man, daß einige aus Liebe und Mitleiden ihre jungen Kinder in tiefe Brunnen warfen und so das Gesetz umgingen. Übrigens begaben sie sich, da der Termin abgelaufen war und sie keine Mittel zur Abfahrt hatten finden können, wieder in die Sklaverei. Einige davon wurden Christen, zu denen oder ihrer Nachkommenschaft christlichem Glauben die Portugiesen jetzt noch, hundert Jahre nachher, nur sehr wenig Vertrauen haben; obgleich Gewohnheit und Länge der Zeit weit stärker zu dergleichen Veränderungen wirken als jeder andre Zwang.

In der Stadt Castelnaudari ließen sich auf einmal fünfzig ketzerische Albigenser mit entschlossenem Mute lieber lebendig auf einem Scheiterhaufen verbrennen, als daß sie ihrer Meinung entsagen wollten. Quoties non modo ductores nostri, sagt Cicero, sed universi etiam exercitus, ad non dubiam mortem concurrerunt!

Ich habe einen meiner innigsten Freunde dem Tode mit Eifer nachjagen sehen, und zwar mit wahrer Vorliebe, die durch allerlei Arten von Überzeugung dergestalt in seinem Herzen eingewurzelt war, daß ich ihm solche nicht auszureden vermochte, und die erste Gelegenheit, die sich ihm in einigem Glänze von Ehre darbot, erhaschte er, ohne allen scheinbaren Anlaß, und machte seinem Leben auf eine sehr schmerzhafte Art ein Ende. Wir haben zu unsrer Zeit viele Beispiele, sogar von Kindern, welche aus Furcht vor geringen Übeln sich das Leben genommen haben. Über diesen Gegenstand sagt einer unter den Alten: Was müßten wir nicht alles fürchten, wenn wir sogar dasjenige fürchteten, was selbst die Feigheit als eine Zuflucht gewählt hat! Wenn ich hier ein Register von solchen Menschen aufführen wollte, die unter allen Geschlechtern und Ständen, von allen Sekten, in glücklicheren Jahrhunderten den Tod entweder gelassen erwartet oder freiwillig gesucht haben; gesucht, nicht bloß um den Übeln dieses Lebens zu entgehen, sondern einige sogar bloß um der Sattheit vom Leben ein Ende zu machen und andre wegen der Hoffnung, sich in einer andern Lage besser zu befinden: so würde ich kein Ende zu finden wissen. Denn die Anzahl derselben ist so groß, daß ich wirklich weniger Mühe hätte, diejenigen aufzuzählen, die ihn gefürchtet haben. Nur dies noch: Pyrrho , der Philosoph, befand sich eines Tages auf einem Schiff in heftigem Sturm, und zeigte denjenigen, die er um sich her am ängstlichsten sah, um sie aufzurichten, ein Beispiel an einem Schweine, welches mit auf dem Schiffe war und sich aus dem Ungewitter gar nichts machte.

Wollten wir uns wohl getrauen zu sagen, daß der Vorzug der Vernunft, worauf wir uns so viel zugute tun und vermöge dessen wir uns für Herren und Beherrscher der übrigen Schöpfung halten, uns zu unsrer Qual gegeben sei? Was soll uns die Kenntnis der Dinge, wenn wir dadurch nur feiger werden? Wenn wir dadurch die Ruhe und Gelassenheit verlieren, worin wir uns ohne sie befinden würden? Und wenn solche uns in eine kläglichere Fassung setzt als Pyrrhos' Schwein? Wollen wir die Verstandeskräfte, die uns zu unserer größten Wohlfahrt gegeben sind, zu unserm Verderben anwenden, indem wir uns gegen die Natur und die allgemeine Ordnung der Dinge auflehnen, welche will, daß jedermann seine Kräfte und Werkzeuge zu seinem Vorteile benutze? Gut, sagt man; mag eure Regel auf den Tod anwendbar sein! Was könnt ihr aber von der Armut sagen? Und was vom körperlichen Schmerz, welche Aristipp , Hieronymus und die meisten alten Weisen für das ärgste Übel gehalten haben? Und wie es diejenigen mit der Tat bekannten, die es mit Worten leugneten? – Posidonius lag sehr schwer an einer hitzigen und schmerzhaften Krankheit danieder; Pompejus besuchte ihn und entschuldigte sich, daß er zu einer so ungelegenen Stunde käme, ihn philosophieren zu hören. »Verhüten es die Götter«, antwortete ihm Posidonius, »daß der Schmerz so sehr mein Herr werde, mich zu verhindern, Betrachtungen über ihn anzustellen!« und begann alsobald von Verachtung der Schmerzen zu sprechen. Indessen kehrten sich die Schmerzen nicht daran und setzten ihm unaufhörlich zu; worüber er ausrief: »Macht, Schmerzen, was ihr wollt; ihr sollt mich doch nicht dahin bringen, zu sagen, daß ihr Übel seid!« Dies Geschichtchen, das mit solchem Triumphe erzählt wird, was beweist es für die Verachtung der Schmerzen? Es bestreitet bloß Worte. Und dennoch, warum unterbricht er sich in seiner Rede, wenn sie ihm nicht sehr wehe taten? Warum meint er ein so großes Ding zu tun, wenn er solche nicht Übel nennen will? Hier besteht doch nicht alles in der Einbildung. Wenn wir über die andern Dinge nur wähnen, so ist hier Gewißheit, die für sich spricht; unsre Sinne selbst sind Richter:

Qui nisi sunt veri, ratio quoque falsa sit omnis.

Können wir unsrer Haut weismachen, daß sie beim Spießrutenlaufen gekitzelt werde? Unserm Gaumen, Aloetrank sei Burgunderwein? Pyrrhos' Schwein ist hier auf unsrer Seite. Es ist freilich ohne Furcht vorm Tode, aber wenn man es schlägt, schreit es und tobt. Wollen wir dem allgemeinen Gesetze der Natur Gewalt tun, nach welchem alles, was da lebt auf Erden, unter dem Leiden von Schmerzen zittert? Selbst die Bäume scheinen unter den Beschädigungen zu ächzen. Den Tod fühlt man nur durch Nachdenken, weil er eigentlich nur die vorübergehende Bewegung eines Augenblicks ist.

Aut fuit, aut veniet; nihil est praesentis in illa.
Morsque minus poenas quam mora mortis habet.

Tausend Tiere, tausend Menschen sterben, bevor sie vom Tode bedroht worden. Auch ist das, was wir beim Tode hauptsächlich zu fürchten haben, der Schmerz, sein gewöhnlicher Vorbote. Indessen, wenn ein heiliger Kirchenvater Glauben verdient, so heißt es:

Malam mortem non facit, nisi quod sequitur mortem.

Und ich möchte noch mit größerer Wahrscheinlichkeit sagen: Weder das, was vorm Tode hergeht, noch das, was auf ihn folgt, sind Zubehörden des Todes. Wir entschuldigen uns mit Unrecht. Und die Erfahrung hat mich überzeugt, daß es vielmehr das Peinliche in der Vorstellung vom Tode ist, was uns die Schmerzen peinlich macht; und daß sie uns deswegen doppelt martern, weil sie uns mit dem Tode dräuen. Da uns nun aber die Vernunft wegen unsrer Feigheit anklagt, daß wir eine so plötzlich kommende und vorübergehende, so unvermeidliche, so wenig schmerzhafte Sache fürchten, so greifen wir zu dem mehr scheinbaren Vorwande. Alle andren Schmerzen, welche keine andre Gefahr bei sich führen als die Schmerzen selbst, von denen sagen wir: sie sind nicht gefährlich. Zum Beispiel Zahnschmerzen oder Gichtschmerzen, so sehr sie auch martern; solange sie nicht wegen zu besorgendem Tode unter die Krankheiten gezählt werden.

Nun, wohlan! Wir wollen annehmen, daß wir am Tode hauptsächlich die Schmerzen in Betracht ziehen! So wie auch, daß die Armut nichts weiter Fürchterliches habe, als daß sie vermittelst des Hungers, des Durstes, der Kälte, der Hitze, des Nachtwachens, die sie uns bringt, in seinen Rachen werfe. Also wollen wir es hier bloß mit den Schmerzen zu tun haben! Ich räume ihnen ein, und zwar sehr gern, daß sie das Schlimmste sind, was uns befallen kann; denn ich bin der Mann, der ihnen so feind ist als jemand auf der Welt und sie um so mehr aufs möglichste vermeide, weil ich bisher, gottlob, keine große Gemeinschaft mit ihnen gehabt habe; aber dennoch sag' ich: Es steht bei uns, wo nicht sie zu vertilgen, wenigstens durch Geduld sie zu vermindern; und wenn auch der Körper darunter niederläge, doch die Seele und die Vernunft in ruhiger Fassung zu erhalten. Wenn dem nicht so wäre, was für Wert hätte dann Tugend, Tapferkeit, Stärke, Größe der Seele und männliche Entschlossenheit? Wo wäre der Schauplatz, sich zu zeigen, wenn sie keine Schmerzen mehr zu bekämpfen hätten? Avida est periculi virtus , sagt Seneca. Wenn wir nicht mehr auf harter Erde zu schlafen, in voller Waffenrüstung die Mittagshitze zu ertragen, zu Pferde- und Eselsfleische unsre Zuflucht in Hungersnot zu nehmen haben, wenn wir nicht mehr in der Not wären, uns in Stücke zerhauen, Kugeln aus den Knochen und Splitter aus den Wunden ziehen, und diese selbst mit der Sonde durchwühlen und beizen und zusammennähen zu lassen, woher wollen wir dann den Vorzug erwerben, den wir über den gemeinen Haufen haben wollen? Es ist bei weitem nicht die Flucht vorm Übel und den Schmerzen, sagen die Weisen, oder ähnliche gute Taten, sondern die sind die wünschenswürdigsten, wobei die größte Gefahr und Mühe ist. Non enim hilaritate nec lascivia nec risu aut ioco comite levitatis, sed saepe etiam tristes firmitate et constantia sunt beati. Und aus diesem Grunde war es unsern Vätern unmöglich, sich überreden zu lassen, daß die Eroberungen durch Macht und Gewalt bei den Gefahren des Krieges nicht ehrenvoller wären als solche, die man bei aller Sicherheit durch listige Anschläge gewönne.

Laetius est, quoties magno sibi constat honestum.

Auch das muß uns um so mehr trösten, daß nach dem Gange der Natur ein Schmerz, der heftig ist, nicht lange anhält, und wenn er lange dauert, leicht ist.

Si gravis, brevis; si longus, levis.

Du wirst sie nicht lange fühlen, wenn du sie zu heftig fühlst, sie werden ihnen selbst oder dir ein Ende machen. Und beides läuft auf eins hinaus. Entweder du besiegst die Schmerzen, oder sie besiegen dich. Memineris maximos morte finiri; parvos multa habere intervalla requietis; mediocrium nos esse dominos: ut si tolerabiles sint, feramus; sin minus e vita, quum ea non placeat, tanquam e theatro exeamus.

Das, was uns die Schmerzen so unerträglich macht, ist, wir sind nicht gewöhnt, unsre vornehmste Zufriedenheit in der Seele zu suchen; uns nicht genug auf diese zu stützen, welche die einzige und höchste Gewalt über unsern Zustand hat. Der Körper hat, das Weniger oder Mehr vorausgesetzt, nur einen Gang und nur eine Falte. Die Seele weiß sich in alle Lagen zu fügen und hat das Vermögen, allen Empfindungen des Körpers und jeden andern Zufälligkeiten Beziehung auf sich und ihre jedesmalige Fassung zu geben, welche die auch sein möge. Indessen muß man sie studieren und untersuchen und ihre so mächtigen Triebfedern in Wirksamkeit setzen. Gegen ihre Neigung und Wahl richten weder Gründe noch Machtsprüche, noch Zwang etwas aus. Bei so viel tausend Hilfsmitteln, die ihr zu Gebote stehen, laßt uns ihr eins geben, das für unsre Ruhe und Erhaltung tauglich ist: und wir werden vermöge desselben nicht bloß vor allen Beleidigungen gedeckt sein, sondern sogar, wenn es ihr so gut deucht, durch die Übel und Beleidigungen, die uns treffen, begünstigt und geschmeichelt werden. Sie macht sich alles ohne Unterschied zum Vorteile. Irrtümer und Träume leisten ihr nützliche Dienste, wie andre rechtfertige Materien uns zu beruhigen und zu befriedigen. Es ist leicht zu ersehen, daß das, was uns Leiden und Freuden so innig und tief fühlen läßt, nichts anders sei als der Stachel unseres Verstandes.

Die Tiere, deren Verstand im Beschlage liegt, lassen dem Körper seine Empfindungen frei und ungezwungen, und diese sind folglich, ungefähr, für jede Gattung gleichförmig: so, wie sie es durch ähnliche Anwendung ihrer Bewegungen an den Tag legen. Wenn wir unsern Gliedmaßen die Befugnisse nicht verweigerten, die ihnen hierin gebühren, so würden wir, wie zu glauben ist, besser daran sein, da die Natur ihnen eine richtige und gleichschwebende Temperatur gegen Wollust und Schmerz gegeben hat, welche nicht fehlen kann, richtig zu sein, da sie durchgängig und allenthalben gleich abgewogen ist. Nachdem wir uns aber von ihren Regeln losgemacht haben, um uns der ungezähmtesten Freiheit unsrer Phantasie zu überlassen, so laß uns wenigstens das Unsrige tun, diese Phantasie auf die angenehmste Seite zu lenken. Plato fürchtet unsre zu große Empfindlichkeit gegen Schmerz und Wollust deswegen, weil solche die Seele zu fest an den Körper bindet und knüpfet. Ich im Gegenteile, weil diese Empfindlichkeit die Seele zu sehr vom Körper entbindet und ihr gemeinschaftliches Band zu locker macht. Gerade so, wie der Feind durch unsre Flucht nur noch hitziger wird, uns zu verfolgen, so wird der Schmerz noch eingebildeter, wenn er merkt, daß wir vor ihm zittern. Er wird es dem weit wohlfeiler geben, der ihm die Spitze bietet. Man muß sich ihm widersetzen und festen Fuß halten. Wanken wir aber und weichen zurück, so rufen wir ihn herbei und ziehn uns das Verderben, das uns dreute, über den Hals. So wie ein Haufen Krieger dem Angriffe um so fester widersteht, als er seine Glieder geschlossener hält, so ist es auch mit der Seele. Aber ich muß Beispiele anführen (sie sind die beste Nahrung für Leute von schlaffen Waden, wie ich bin), aus welchen erhellen wird, daß es mit dem Schmerz gehe wie mit den Edelsteinen, welche eine höhere oder blassere Farbe annehmen nach der untergelegten Folie; und daß er bei uns nicht mehr Raum einnehme, als wir ihm zugestehen. Tantum doluerunt, quantum doloribus se inseruerunt. Wir fühlen mehr von einem Schnitte eines Schermessers durch den Wundarzt als von zehn Säbelhieben in der Hitze eines Treffens.

Die Schmerzen des Kindergebärens, welche von den Ärzten und von Gott selbst für groß geachtet und welche bei uns mit so vielen Umständen gefeiert werden, kommen bei verschiedenen ganzen Nationen in gar keine Betrachtung. Ich spreche nicht von den lakedämonischen Weibern: nur von den Weibern unsrer Schweizer Regimenter. Was für eine Veränderung wird man an ihnen gewahr? Keine andre, als daß sie sich heute, auf dem Marsche hinter ihren Männern her, ein Kind am Halse, schleppen, das sie gestern noch unter ihrem Herzen trugen. Und jene unter uns zusammengelaufenen und braungeschminkten Zigeunerinnen gehen selbst mit ihren neugebornen Kindern hin zum nächsten Bache, um sie zu baden und sich selbst darin zu reinigen. Der vielen Weibsbilder zu geschweigen, welche ihre Kinder ebenso heimlich gebären als zeugen, erwähne ich hier nur der schönen und edlen Gemahlin des Sabinus, eines römischen Patriziers, welche aus Gefälligkeit gegen fremde Rücksichten, allein, ohne Beistand, ohne Ächzen und Schreien die Geburtsschmerzen von Zwillingen aushielt. Ein noch junger Bube in Sparta, der einen Fuchs gestohlen (die Spartaner fürchteten mehr die Schande der Dummheit bei einem Diebstahle, als wir die Strafe unsrer Bosheit fürchten) und unter seinem Mantel versteckt hatte, wollte lieber erdulden, daß er ihm den Bauch zerbisse, als daß er den Diebstahl eingestanden hätte. Und ein andrer, der bei einem Opfer räucherte, ließ sich von einer glühenden Kohle, die ihm in den Ärmel gefallen war, bis auf den Knochen brennen, um nicht die heiligen Gebräuche zu stören. Und man weiß von einer großen Anzahl, die zum bloßen Versuch der Tugend, nach den ihnen beigebrachten Begriffen, in einem Alter von sieben Jahren sich haben bis auf den Tod geißeln lassen, ohne nur eine Miene zu verziehen. Und Cicero hat ihrer gesehen, die sich in Haufen geteilt, mit Fäusten, Füßen und Zähnen bis zum Ohnmächtigwerden gebalgt und gerauft haben und nicht haben gestehen wollen, daß sie überwunden wären. Nunquam naturam mos vinceret, est enim ea semper invicta: sed nos umbris, deliciis, otio, languore, desidia, animum infecimus; opinionibus maloque more delinitum mollivimus.

Jedermann weiß die Geschichte des Scävola , der sich ins feindliche Lager geschlichen hatte, um den ersten Befehlshaber desselben zu töten, und da ihm sein Anschlag mißlungen, seine Absicht durch eine höchst sonderbare Erfindung erreichen und sein Vaterland vom Verdacht retten wollte. Er bekannte nämlich vor Porsenna, dem König, den er hatte morden wollen, nicht nur seinen Anschlag, sondern fügte noch hinzu, in seinem Lager wären noch eine unendliche Anzahl Römer, die sich mit ihm zu diesem Anschlag verschworen hätten, und um zu zeigen, was für ein Schlag Männer sie wären, ließ er ein Gefäß mit glühenden Kohlen bringen, hielt seinen Arm hinein und ließ solchen so lange rösten und braten, bis der Feind selbst drob ein Entsetzen fühlte und die Kohlen wegnehmen ließ. Mehr noch! Jener fuhr fort, in seinem Buche zu lesen, als man ihm im Fleische schnitt; und er, der nicht aufhörte, hartnäckigerweise über die Martern zu lachen und zu spotten, die man ihm antat, dergestalt, daß die erboste Grausamkeit der Henker und alle ihre Erfindungen, womit sie Foltern auf Foltern häuften, an ihm zuschanden wurden und ihm gewonnen geben mußten. Ja, aber das war ein Philosoph! Ei was! Ein Gladiator Cäsars hielt unter fortwährendem Lachen aus, daß man seine Wunden mit Sonden durchwühlte und genau untersuchte. Quis mediocris gladiator ingemuit? Quis vultum mutavit unquam? Quis non modo stetit, verum etiam decubuit turpiter? Quis, quum decubuisset, ferrum recipere jussus, collum detraxit? Laß uns die Weiber gleichfalls aufführen.

Wer hat in Paris nicht von der Dame gehört, welche sich die Haut abziehen ließ, bloß um eine neue Haut und eine frischere Gesichtsfarbe zu bekommen. Es hat ihrer gegeben und gibt ihrer noch, die sich ihre gesunden Zähne ausreißen lassen, um eine vollere und angenehmere Aussprache zu gewinnen oder um eine besser stehende Reihe Zähne zu bekommen. Wie viele Beispiele von Verachtung der Schmerzen haben wir nicht in dieser Gattung? Was vermögen sie nicht! Was fürchten sie, wenn es nur einigermaßen darauf ankommt, ihre Schönheit zu vermehren!

Vellere queis cura est albos a stirpe capillos,
Et faciem dempta pelle referre novam.

Ich habe welche gesehen, die Sand und Asche verschluckten und sehr sorgfältig darauf arbeiteten, sich den Magen zu verderben, um eine blasse Gesichtsfarbe zu haben. Um einen recht schmalen Körper zu haben, welche Pein ertragen sie nicht in ihren Schnürleibern und Gurten von Fischbein mit großen Kutschen auf den Hüften, die ins Fleisch schneiden und ihnen zuweilen gar den Tod zuziehen.

Es ist heutzutage bei vielen Nationen noch Sitte, sich mit Bedacht zu verwunden, um ihrem Worte Glauben zu verschaffen; und unser König erzählt davon merkwürdige Beispiele, die er in Polen gesehen hat und mit ihm selbst geschehen sind. Außer denen aber, die meines Wissens von einigen in Frankreich nachgeahmt sind: Als ich von dem berühmten Landtage zu Blois heimkehrte, hatte ich kurz vorher in der Pikardie ein Mädchen gesehen, welche, um die Aufrichtigkeit ihres Versprechens wie auch ihre Treue zu bestätigen, sich mit einer Haarnadel, die sie in der Flechte trug, vier bis fünf Stiche in den Arm gab, daß ihr die Haut barst und sich damit einen tüchtigen Aderlaß ersparte.

Die Türken geben sich für ihre Damen große Schmarren übers Gesicht, und damit die Narben nicht ausgehen sollen, fahren sie alsobald mit Feuer über die Wunden her und halten es darüber eine unglaublich lange Zeit, um das Blut zu stillen und die Narbe zu bilden. Leute, die es mit ihren Augen gesehen, haben es geschrieben und haben mir's zugeschworen. Aber für zehn Asper kann man alle Tage jemand haben, der sich dafür einen tüchtigen Schnitt in die Arme oder Lenden tut. Es ist mir lieb, daß wir die Zeugen gleich bei der Hand haben, wo wir ihrer am nötigsten bedürfen. Denn die Christenheit läßt uns daran gar keinen Mangel leiden, und hat es, nach dem Beispiel unseres heiligen Vorgängers, Leute bei Haufen gegeben, die aus Frömmigkeit haben das Kreuz tragen wollen. Wir wissen von glaubwürdigen Zeugen , daß unser König Ludwig der Heilige so lange ein Hemd von Haaren auf seinem bloßen Leibe trug, bis ihn im Alter der Beichtvater davon dispensierte, und daß er sich alle Freitage von seinem Priester mit fünf kleinen eisernen Ketten die Schultern geißeln ließ, welche man des Endes in seinem Bettsacke beständig mitführte.

Wilhelm, unser letzter Herzog von Guyenne, Vater der Alienor, der dies Herzogtum an die Häuser England und Frankreich übertrug, trug die letzten zehn oder zwölf Jahre seines Lebens beständig einen Küraß unter einem Mönchskleid, zur Bußübung. Foulques, Graf von Anjou, tat die weite Reise bis Jerusalem, um sich dort von zweien seiner Bedienten am Grabe unseres Heilandes geißeln zu lassen, wobei er einen Strick um den Hals hatte. Aber sieht man nicht noch alle Karfreitage an verschiedenen Orten eine große Anzahl Weiber und Männer sich so wacker geißeln, daß zuweilen danach das Fleisch von den Knochen hängt? Dies hab' ich oft mit angesehen, und es war kein Augenverblenden. Man hat mir wohl gesagt, daß welche darunter gewesen (denn sie gehen verlarvt), welche es für Geld unternahmen, andre bei reiner Religion zu erhalten, durch Schmerzen oder Martern, die um so größer sein müssen, weil der Sporn der Religion mächtiger ist als der Stachel des Geizes.

Q. Maximus begrub seinen Sohn, als er schon Konsul war, M. Cato den seinigen, da er zum Prätor bestimmt worden, und L. Paulus seine beiden Söhne, kurz hintereinander, mit gesetztem Gesicht und ohne ein Zeichen von Trauer sehen zu lassen. Ich sagte in meinen Jugendtagen von jemand im Spaß, er habe der Gerechtigkeit des Himmels Brillen verkauft. Denn, da er an einem Tage drei erwachsene Söhne durch gewaltsamen Tod verlor, welches man doch wohl für eine derbe Zuchtrute halten sollte, fehlte sehr wenig, daß er es nicht mit Freuden für eine große Gnade genommen hätte. Ich bin nun freilich nicht von so un- oder übermenschlicher Gemütsart; gleichwohl habe ich ein paar Kinder, die noch in den Händen der Amme waren, verloren, in der Tat nicht ohne Betrübnis, aber doch ohne Murren. Auch gibt es wohl nicht viele Zufälle, die dem Menschen stärker an die Seele greifen. Ich sehe andre gewöhnliche Ursachen der Betrübnis genug, die ich kaum fühlen würde, wenn sie mir überkämen; und habe wirklich welche verachtet, die mir zugestoßen sind, denen die Menschen eine so schreckliche Gestalt geben, daß ich mich dessen gegen den gemeinen Mann zu gestehen, ohne rot zu werden, nicht wagen möchte. Ex quo intellegitur, non in natura, sed in opinione esse aegritudinem.

Wer in der Welt wird wohl jemals mit solcher Begierde nach Sicherheit und Ruhe trachten, als Alexander und Cäsar der Unruhe und den Gefahren nachjagten? Teres , der Vater des Sitalces, pflegte zu sagen, wenn er keinen Krieg führe, so käm' es ihm vor, als ob zwischen ihm und seinem Stallknecht kein Unterschied sei. Cato, der Konsul, hatte, um sich einiger Städte in Spanien zu versichern, den Einwohnern bloß untersagt, Waffen zu führen, und darüber tötete sich eine große Anzahl. Ferox gens, nullam vitam rati sine armis esse. Von wie vielen wissen wir nicht, daß sie den Annehmlichkeiten eines ruhigen Lebens in ihren Häusern, unter Freunden und Bekannten, entsagt und sich in schaudervolle, menschenleere Wüsteneien begaben, wo sie sich für die Menschen unnütz, verächtlich und verwerflich gemacht haben und dennoch darin bis zur Affektation glücklich befunden haben?

Der Kardinal Borromäus , welcher neulich zu Mailand verstorben ist, führte, umringt von dem Wohlleben, wozu ihn seine hohe Geburt, seine Reichtümer und die italienische Sitte bei seiner Jugend einluden, eine so strenge Lebensart, daß derselbige Habit, den er im Sommer trug, ihm auch im Winter diente. Sein Bett war von bloßem Stroh gemacht, und die Stunden, die ihm von seinen Amtsverrichtungen übrigblieben, widmete er beständig dem Studieren. Er lag bei seinem Buch auf den Knien und hatte zu seiner Seite ein wenig Brot und Wasser stehen: dies war der ganze Vorrat zu seinen Mahlzeiten, und die einzige Zeit, die er darauf verwendete.

Ich kenne Leute, die ganz wissentlich Vorteil von ihrer Hahnreischaft gezogen haben, deren bloßer Name so vielen Menschen Angst und Schrecken macht! Wenn der Sinn des Gesichts auch nicht der notwendigste unter den übrigen wäre, so ist er doch einer der angenehmsten. Die angenehmsten und nützlichsten unter unseren Gliedmaßen scheinen aber diejenigen zu sein, die zu unsrer Fortpflanzung dienen. Gleichwohl hat es Menschen genug gegeben, die dawider einen tödlichen Haß hegten, und zwar bloß deswegen, weil sie zu liebenswürdig wären, und haben sie verworfen, wegen ihrer Kostbarkeit. Ebenso dachte der von den Augen, der sich sie ausriß. Der größte und gesundeste Teil der Menschen hält viele Kinder haben für ein großes Glück. Ich und einige andre halten es für ein ebenso großes Glück, keine zu haben. Und als man den Thales fragte, warum er sich nicht verheirate, antwortete er, es wäre seine Sache nicht, Nachkommenschaft zu hinterlassen.

Daß unsere Meinung den Wert der Dinge bestimme, erhellt schon daraus, daß es eine große Anzahl gibt, die wir nicht einmal darauf ansehen, ob sie einen Wert für uns haben möchten, und weder auf ihre Eigenschaften noch auf ihren Nutzen achten, sondern nur auf den hohen Preis, wofür sie zu haben sind: gerade, als ob das einen Teil ihres Wesens ausmache, und schätzen ihren Wert nicht nach dem, was sie in sich haben, sondern nach dem, wofür wir sie haben. Weshalb ich dann des Dafürhaltens bin, daß wir gar sparsame Haushälter mit unseren Auslagen sind; je wichtiger sie sind, je dienlicher, gerade weil sie wichtig sind. Unsere Meinung läßt solche niemals auf Rechnung der Unkosten bringen. Nach dem Kaufspreise hat der Diamant seinen Wert; nach dem Kampfe die Tugend, nach der Buße die Andacht und nach der Bitterkeit die Arznei.

Jener , um zur Armut zu gelangen, warf seine Taler in eben dasselbe Meer, welches andre in allen Tiefen durchsuchen, um Reichtümer zu fischen. Epikur sagt: Reich sein erleichtert keine Geschäfte, es ändert sie nur. So viel ist wahr: Mangel macht keinen Geizigen, sondern der Überfluß. Über diese Sache will ich meine eigene Erfahrung mitteilen. Ich habe in dreierlei verschiedenen Umständen gelebt, nachdem ich aufgehört hatte, ein Kind zu sein. Die erste Zeit, die ungefähr zwanzig Jahre gedauert haben mag, brachte ich hin, ohne etwas anders zu haben, als was vom Zufall und von dem guten Willen andrer abhing, und ohne im geringsten etwas Sicheres und Ausgemachtes, worauf ich rechnen können. Dem ungeachtet gingen meine Ausgaben ihren lustigen Gang fort und machten mir um so weniger Sorgen, weil sie ganz auf der Verwegenheit des Glücks beruhten. Ich war niemals besser daran. Nie fand ich den Beutel meiner Freunde vor mir verschlossen. Ich wußte von keiner andern Not, als die ich mir selbst machte; die Not, auf den Tag mit der Zahlung einzuhalten, den ich mir gesetzt hatte, welchen sie mir tausendmal weiter hinausgesetzt haben, weil sie die Mühe sahen, die ich mir gab, Termin zu halten; so daß mich meine Ehrlichkeit sparsam, aber nicht knickerig machte.

Bei einem Soll-Zustand handelt es sich ja bekanntlich um den Zustand, den ein Objekt annehmen soll aber derzeit nicht besitzt. Aber um überhaupt zu wissen, wie der richtige Sollzustand auzusehen hat, bedienen wir uns erneut einem Entwicklungsschemas. Dieses Gliedert sich in zwei grundlegende Punkte:

  1. Die erodierten Informationen optimal verknüpfen, sowie
  2. die Entwicklungsziele und die Optimierungspläne detailiert festlegen und formulieren. 

Informationsgewinnung

Zum ersten Punkt zählen Aufgaben wie:

1. Grobziele des Managements erfassen,
2. Recherche in den Bereichen Technik, Wirtschaftlichkeit und Wettbewerber und
3. Ausarbeitung der Ergebnisse
4. Einschätzung der Marktposition des zu entwickelnden, bzw. zu optimieren Produkts,
5. Modell der Funktionsanalyse bilden:

  • Bestimmung des Funktionspotentials, 
  • Strukturierung der Funktionen
  • Festlegung der Funktionen, sowie ihrer Merkmale

Planen und Definieren des Soll-Zustandes

Dem zweiten Punkt können nachfolgende Aufgaben zugeordnet werden: 

1. Entwicklungs- und Optimierungszielen genau festlegen:

  • Funktionen und deren Merkmalen sowie Funktionsstruktur formulieren
  • SOLL-Funktionen wahrscheinlich SOLL-Funktionskosten zuweisen
  • Technische Umsetzung der Funktionen konkretisieren

2. Rangfolge von Entwicklungen und Optimierungen nach Priorität festlegen:

  • Kostentreibende und potenzialbehaftete Funktionen bestimmen,
  • unerwünschte Funktionen und in diesem Zusammenhang möglicher technischer Probleme erfassen,
  • Anforderungen an die Funktionen festlegen.

3. Bewertungskritieren zur Bewertung der einzelnen Ideen formulieren. 

Wenn Sie sich an diesem Schema orientieren, erhalten Sie die wichtigsten Aspekte für einen wohldefinierten Soll-Zustand.  

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